Die Geschichte der Friedrich-Wilhelm-Herschelschule

Unser Schulhaus um 1911


Nach dem 2. Weltkrieg...nahezu Totalschaden


Neuanfang

Schule in den 70´er Jahren Bilder: Stadtarchiv
Wie
alles begann
Um
1900 wuchs die Südstadt sehr schnell. Überall entstanden
Fabriken, Siemens-Schuckert, MAN und wie sie alle hießen.
Arbeitssuchende aus ganz Bayern, aber auch aus Thüringen,
Böhmen, Österreich und der Schweiz strömten in den
Süden Nürnbergs. Allen Migranten (von lateinisch
„Wanderer“) gemeinsam war die Hoffnung auf ein Ende der Sorge um
das tägliche Überleben. Mit diesen Erwachsenen kamen
natürlich auch viele, viele Kinder. Wie ihre Eltern verloren
auch sie ihre gewohnte Umgebung und mussten hier neu Fuß
fassen.
Es wurden zahlreiche Schulen gebaut, die sehr schnell
wieder zu klein wurden. Als das Gibitzenhofschulhaus (das heutige
Pirckheimer-Gymnasium) aus allen Nähten platzte, begann man 1910
ganz in der Nähe mit dem Bau eines neuen Schulhauses, auf Pump
versteht sich, denn so voll war die Staatskasse damals auch nicht.
Am 1.September 1911 war es dann so weit: Die neue Schule wurde
nach dem Musiker und Astronomen Friedrich Wilhelm Herschel benannt.
Dieser kluge Mann hatte den Uranus entdeckt und die unsichtbaren
Strahlen des Infrarot.
Der Unterrichtsbetrieb begann mit 30
Schulkassen. Insgesamt gab es 45 Klassenzimmer, je zwei Turnhallen
und Zeichensäle, fünf Aufenthaltsräume für Lehrer
und mehrere Werkräume, in denen auch zukünftige Werklehrer
ausgebildet wurden. Außerdem erhielten die Schüler eine
Bibliothek.
1913 wurden auf dem Grundstück vor dem
Nordeingang, wo heute der Fußballplatz ist, zwei Schulbaraken
für die Hilfsschule (heute: Förderschule) errichtet.
Weil
viele Menschen in ihren Wohnungen kein eigenes Bad hatten, war im
Keller der Schule ab 1912 ein so genanntes „Brausebad“
eingerichtet. Dort konnte man preisgünstig duschen.
Erster
Weltkrieg 1914 bis 1918
1915
musste das Brausebad aber schon wieder schließen, denn die
Schule wurde nun auch als Massenquartier für Soldaten, die in
den Krieg ziehen mussten und später auch als Reservelazarett
benutzt. In der Zeit während des Ersten Weltkriegs litten die
Kinder oft große Not. Für bedürftige Soldatenkinder
gab es eine Schulspeisung. Für den Winter wurden Schuhe verteilt
und einzelne Klassenzimmer blieben auch in den Ferien geöffnet,
damit sich die Kinder aufwärmen konnten. Die durchschnittliche
Klassenstärke betrug während dieser Zeit 48 Schüler.
Im Schuljahr 1915/16 wurden die Lehrpläne gekürzt und jeder
Lehrer musste zwei Klassen versorgen.
Die Not zwang viele Mütter
zu arbeiten. Viele Kinder mussten in Horten und Heimen untergebracht
werden. Wegen der schlechten Lebensbedingungen erkrankten zahlreiche
Schulkinder an Tuberkulose, der Krankheit der Armut.
Hitler
und der Zweite Weltkrieg (1939 bis 1945)
1933
übernahmen Hitler und seine Nazipartei die Macht in Deutschland.
In jedem Klassenzimmer musste jetzt ein „Führerbild“ hängen.
Im Schuljahr 1936/37 wurde am Herschelplatz eine
„Sammel-Sonder-Klasse“ für geistig schwerst behinderte
Kinder eingerichtet. Schon zwei Jahre später wurde diese
Einrichtung im Verwaltungsbericht der Stadt nicht mehr erwähnt.
Was ist mit diesen Kinden wohl passiert? Vermutlich wurden sie alle
ermordet. Nach dem Krieg wollte sich niemand mehr so recht an diese
Sache erinnern...Ein gewisser Otto Barthel, der die Entwicklung der
Nürnberger Schulen untersuchte, bemerkte dazu in seinem 1964
erschienenen Buch (Die Schulen in Nürnberg 1905 bis 1960,
Nürnberg 1964, S. 140): „Nach der Instandsetzung des Südbaues
wird auch die Hilfsschule wieder einziehen, die hier vor dem Kriege
neben Hort und Schulgarten auch ein Tagesheim für nicht
hilfsschulfähige Kinder besaß.“
Im Zweiten Weltkrieg
musste unsere Schule auch wieder als Lazarett herhalten. Die Schüler
wurden ins Gibitzenhofschulhaus ausgelagert. Kurz vor Kriegsende, am
16. März 1945, wurde das Gebäude fast völlig zerstört.
Die zusammengebrochenen Stockwerke begruben unendlich viel
gelebte Zeit unter sich.
Die
Stunde Null – Aus Ruinen entsteht das tragfähige Neue
Am
1.Oktober 1945 nahmen sieben überlebende Lehrkräfte den
Schulbetrieb in der Ruine wieder auf. Die Klassenzimmer hatten oft
weder Fensterscheiben noch eine Heizung. Oft war nur ein so genannter
Betreuungsunterricht von ein- bis eineinhalb Stunden möglich.
Viele Menschen waren jetzt obdachlos und versuchten, in der
Schulruine notdürftig Unterschlupf zu finden. Personen, die
keine Nazis gewesen waren, erhielten, wenn sie Glück hatten,
eine solche Notwohnung. Auch einige Handwerker richteten sich
provisorische Werkstätten ein.
Während dieser Zeit
mussten aber nicht nur die Schüler, die den Bombenhagel überlebt
hatten, unterrichtet werden, sondern auch zahlreiche
Flüchtlingskinder (In den Jahren 1945 bis 1948 waren 10 % der
volkschulpflichtigen Kinder Flüchtlinge.). Nach ihrer
erzwungenen Migration war die Herschelschule für sie die erste
Station in einem neuen Leben.
1949/50 wurde eine
Versuchsklasse „Freiwilliges 9. Schuljahr“ in Nürnberg
gestartet. 1952/53 wurde das 9. Schuljahr für alle, die keinen
Ausbildungsplatz haben, Pflicht. Für die Herschelschule war das
besonders schwierig, weil es für 1200 Schüler nur 21
Unterrichtsräume gab.
Der Unterricht fand damals im
Schichtbetrieb statt – unter allerschwierigsten Bedingungen: Den
Kindern wurden „Konzentrationsstörungen“ und „motorische
Unruhe“ als Folge der Kriegstraumatisierung nachgesagt. Auch die
Lehrer waren gesundheitlich durch ihre Kriegsschicksale angeschlagen.
Trotzdem bemühte man sich um die Gestaltung des Schullebens. Es
wurden Eltern- und Musikabende organisiert.
1964 wurde der
Pausenhof mit dem Drachenbrunnen verschönert. Im Januar 1965 zog
die Förderschule in den Nordflügel ein, wo sie bis zum Juli
2007 blieb.
Am 6. Mai 1965 war es endlich so weit: Der
Wiederaufbau war abgeschlossen, der Schichtbetrieb hatte ein Ende. Es
gab nun 20 Klassenzimmer, zwei Turnhallen und einige
Sonderräume.
Entwicklung
nach 1965
Nach
dem Ende der Wiederaufbaumaßnahmen kam es noch zu zahlreichen
Um- und Ausbauten, die notwendig wurden, weil ab den 70er Jahren ein
neuer Migrantenstrom, man nannte die Menschen damals „Gastarbeiter“,
in der Südstadt eine dauerhafte Bleibe suchte. Und zur Zeit?
Nun, die Migrantenkinder kommen heute zu einem großen Teil aus
Osteuropa. Aber eigentlich fällt das in unserer
Multi-Kulti-Schule keinem so richtig auf. Und das ist auch gut
so.
Fazit:
Die ganze Welt trifft sich am Herschelplatz!
Wenn
man sich die Geschichte unserer Schule näher ansieht, so wird
klar, dass die Herschelschule schon immer stark von Migration geprägt
war. Die meisten Menschen kamen mehr oder weniger freiwillig, auf der
Suche nach Arbeit hierher. Gerade im Zusammenhang mit dem Zweiten
Weltkrieg gab es aber auch viele unfreiwillige Neuankömmlinge.
Allen Migranten gemeinsam ist die Ungewissheit und die Hoffnung.
Wer sich diesen Hintergrund bewusst macht, kann sicherlich auch
leichter Verständnis für problembeladene Jugendliche
aufbringen, Vorurteile abbauen und gerechter urteilen.
Integration
ist ein langwieriger Prozess, aber nichts Neues für unser altes
Schulgemäuer und die vielen Menschen - die seit fast 100 Jahren
– einen Teil ihrer Lebenszeit hier verbrachten oder gerade
verbringen.
Heyke Feigl

Unser Schulhaus heute Foto: Marthold